Die Geschichte des Gins

Der Gin gehört zu den beliebtesten Spirituosen und ist darüber hinaus die Basis für den angeblich besten Longdrink der Welt, den Gin & Tonic. Bei all der Begeisterung – und in Anbetracht der Tatsache, dass es derzeit schon allein über 65 Ginmarken aus Deutschland zu kaufen gibt – lohnt sich ein Blick auf die Geschichte des Gins.
 

Wo hat der Gin seine Wurzeln geschlagen?


Franciscus Sylvius

Franciscus Sylvius

Wie dies auch bei manchen anderen Spirituosen wie z. B. dem Kräuterlikör der Fall ist, erblickte der Gin im Zuge von pharmazeutischen Experimenten das Licht der Welt. Der Grund für seine Entstehung war die Suche nach einer Art Wunderheilmittel, mit dem speziell Verdauungs- bzw. Magenbeschwerden bekämpft werden sollten. Auf die "Schnapsidee" kam ein Mediziner aus den Niederlanden, der deutsche Wurzeln besaß: Francois de la Boë lebte von 1614 bis 1672. Er wurde in der deutschen Stadt Hanau geboren und praktizierte in Holland Medizin. Der Arzt mit Forscherdrang und Experimentierfreude ist nicht nur der Erfinder von Gin, sondern wird auch zu den Begründern der naturwissenschaftlichen Medizin und der klinischen Chemie gezählt. Der Niederländer experimentierte mit chemischen Prozessen, um deren mögliche Auswirkungen auf die Medizin bzw. Nutzung in der Medizin zu studieren.

Franziskus de la Boë stieß bei seinen Nachforschungen auf die altbekannte Praxis, Alkohol mit Wacholder zu mischen. Jenes Experiment wurde schon rund 1.000 Jahre nach Christi Geburt in der Schule von Salerno durchgeführt und erschien ihm vielversprechend, da Wacholder für seine Wirkung bekannt war. Man konnte mit der Pflanze u. a. Sodbrennen, Verdauungsstörungen und Harn-Probleme lindern (und tut dies noch heute in der Naturheilkunde). Der Arzt nahm sich dem Alkohol-Wacholder-Gemisch an und entwickelte es weiter, indem er andere pflanzliche Zutaten beigab – der Vorläufer für die heutigen Botanicals, zu denen vor allem Koriander gehört. Franz de la Boe feilte an seiner Kreation, taufte sie auf den Namen Genever und gab sie ab Mitte des 17. Jahrhunderts an seine Patienten aus, um deren Magenbeschwerden und Nierenerkrankungen zu bekämpfen. Damit brachte er einen Stein ins Rollen, denn sein cleveres Heilmittel wurde eher aufgrund seines leckeren Geschmacks als aufgrund seines medizinischen Effekts geschätzt. Die Patienten ebneten den Weg dafür, dass der Genever – alternative Schreibweise Jenever – zum beliebten Genussmittel in Holland wurde. Der Name war und ist übrigens Befehl, denn Genever ist von "Juniperus" für Wacholder abgeleitet.

Eine Randbemerkung: Die eben angeführten Informationen lassen sich nicht eindeutig belegen, sondern stellen die allgemeingültige und als am wahrscheinlichsten geltende Entstehungsgeschichte von Gin dar. Es gibt jedoch Hinweise darauf, dass es sich um eine Verwechslung und / oder eine Vereinfachung der Tatsachen handelt. So ist nachzulesen, dass schon ein Jahrhundert zuvor in Holland die ersten Experimente mit Wacholder und Alkohol durchgeführt wurden. Verantwortlich hierfür war der Wissenschaftler und Professor Sylvius de Bouve – ein Namensvetter seines Nachfolgers. Er versetzte Alkohol mit Wacholderöl, weil er damit den Harndrang fördern wollte. Auf Professor de Bouve geht die Gründung der Leiden Universität im Jahre 1575 zurück, und an eben jenem Institut war der Arzt Franciscus Sylvius de la Boë fast 100 Jahre später tätig. Entweder wusste er von den Experimenten seines Vorgängers und entwickelte diese weiter oder gab sie als sein eigenes Werk aus, oder aber die Überlieferungen wurden aufgrund der ähnlichen Namen, Orte und Zeitpunkte etwas durcheinandergebracht.

Vom Inland ins Ausland – vom Genever zum Gin

Die Nachfrage nach seinem Genever stieg so sehr, dass de la Boe Brennereien mit der Herstellung beauftragte und mit der Abfüllung und dem Verkauf im größeren Stile begann. Was erst die Stadtbewohner von Amsterdam komplett von sich einnahm, trat seinen Siegeszug in ganz Holland an. Es steht zu vermuten, dass die damals gegründete, renommierte Brennerei von Lucas Bols zuallererst mit der Produktion von Wacholderschnaps beauftragt wurde und dem Genever zu seinem exzellenten Ruf verhalf. Aber warum werden dann heutzutage eher die Engländer als die Niederländer mit dem Gin in Verbindung gebracht? Das hat seinen guten Grund und ist untrennbar mit der Weltgeschichte verbunden. Eigentlich hinderten Kriege in vielen Ländern der Welt meist die Produktion von Spirituosen, doch im Falle von Jenever verhalf sie dem Produkt zu Weltruhm. Die Rede ist vom Spanisch-Holländischen Krieg während des 16. und 17. Jahrhunderts, der diverse Regionen der Welt und nicht nur Europa in Aufruhr brachte. Großbritannien bzw. England war ein Verbündeter der Niederlande, sodass die Truppen sich vermischten und gemeinsam Abenteuer erlebten. Darf man den Berichten Glauben schenken, deckten sich die holländischen Soldaten mit Rationen an Genever ein. Sie machten die britischen Soldaten damit vertraut, und jene waren so begeistert von dem Wacholderschnaps, dass sie ihn mit in die Heimat brachten und in England die ersten Experimente mit Gin in Gang setzten. Parallel dazu sollen bis zu 5.000 Niederländer sich in jener Zeit in der englischen Hauptstadt London niedergelassen haben und ihren geliebten Genever importiert haben. Die Engländer kamen auf den Geschmack und machten im Sprachgebrauch aus dem Genever das kürzere und britischere Wort Gin.

Englische Destillerien begannen nach und nach mit eigenen Experimenten und mit der Ginproduktion, u. a. in Großstädten wie London, Bristol, Plymouth und Portsmouth. Ihre Tätigkeiten wurden von einem weiteren geschichtlichen Ereignis vorangetrieben. So hatte es sich der Machthaber William de Orange (gebürtiger Holländer) um 1680 in den Kopf gesetzt, die Franzosen zu benachteiligen. Er ließ ein Verbot auf jegliche Importe aus Frankreich in Kraft treten, sodass die englische Bevölkerung den so beliebten Weinbrand in der Form von Brandy und Cognac verlor. Als Ersatz hierfür wendeten sie sich an den immer interessanter und bekannter werdenden Gin. Zu Beginn des 18. Jahrhunderts kam Queen Anne an die Macht, und sie machte es möglich, dass theoretisch jeder Engländer den modifizierten Genever herstellen durfte (ganz ohne Lizenz). Damit wurde eine Lawine bzw. ein Gin-Boom ausgelöst. In den 20er-Jahren des 18. Jahrhunderts lag der jährliche Konsum von Gin in England bei rund fünf Millionen Gallonen, wobei dieser Anteil von etwa sechs Millionen Engländern getrunken wurde.

Der Gin-Boom und seine Folgen

Diese riesigen Mengen hatten zwei unerwünschte Nebeneffekte: Zum einen verlor der Gin an Qualität und authentischem Charakter, weil man so schnell so viel davon fertigen musste. Zum anderen betranken sich die Arbeiter und der Rest der Bevölkerung, und weniger Leistung bedeutete weniger Profit. So war es Zeit für einen weiteren Meilenstein in der Gin-Geschichte: Im Jahre 1736 verabschiedete man in England den sogenannte "Gin Act". Er sah es vor, dass für die Ginherstellung eine Lizenz erworben werden musste und dass die Abgabemengen auf mindestens zwei Gallonen auf einmal erhöht wurden. Auf der einen Seite konnten sich nur wenige Betriebe die Lizenzgebühr von 50 Pfund Sterling leisten, und auf der anderen Seite war kaum ein Bürger so reich, dass er zwei Gallonen kaufen konnte. Es gab eine Zeit, in der in London nur noch zwei Brennereien Gin produzierten. Somit schien es, als sei die Lage geklärt. Doch weit gefehlt: Da der Begriff Gin bzw. die Herstellung per festgelegter Definition geregelt war, dachten sich die findigen Engländer einfach kleine Abwandlungen und Veränderungen aus, um weiterhin rege Wacholderschnaps zu gewinnen und genießen. Schätzungen gehen davon aus, dass Mitte des 18. Jahrhunderts auf jeden Engländer eine täglich verfügbare Gin-Menge von über einem halben Liter kam.

Der "Tippling Act" von 1751 wurde verabschiedet, um dem tollen Treiben ein Ende zu setzen. Man senkte den Preis für die Lizenz und verbot es den Herstellern, Gin an den Endverbraucher zu verkaufen. Das brachte den Nebeneffekt mit sich, dass die Genever-Nachfolger endlich wieder an Qualität gewannen. Gleichzeitig hatte man mit Missernten im Getreideanbau zu kämpfen, weshalb die Getreidepreise in den Himmel schossen. Da Alkohol auf Getreidebasis eine unerlässliche Voraussetzung für den Gin war, musste man die Produktion drastisch herunterkurbeln. Ein neues Zeitalter wurde eingeläutet, das treffenderweise als "Gin Craze" in die Geschichte einging. "Crazy" bedeutet verrückt, sodass man von einer Gin-Hysterie sprechen könnte.

Der Einfluss der Engländer auf den Gin

Mit dem Ende des 18. Jahrhunderts hielt die industrielle Revolution in England Einzug, was es nach sich zog, dass Arbeiter in Scharen vom Land in die Stadt zogen und die Nachfrage nach Gin erneut stieg. In jener Zeit entstanden die Gin Palaces, bestimmte Formen von Pubs, in denen Gin in enormen Mengen ausgeschenkt wurde. Gleichzeitig senkte man die Steuern auf gebrannten Alkohol, sodass ab den 20er-Jahren die Herstellung erneut anstieg. Mit den Maschinen und dem neuzeitlichen Denken der industriellen Revolution blieben Innovationen bei der Ginproduktion nicht aus. Die traditionelle Form der Destillation, die im pot still (Brennkessel aus Kupfer) auf diskontinuierliche Weise erfolgte, wurde langsam, aber sicher durch eine effizientere, unkompliziertere Methode abgelöst. Robert Stein entwickelte die Methode der kontinuierlichen Destillation. Diese wurde von Aeneas Coffey weiterentwickelt und optimiert, weshalb man nicht nur von continuous still, sondern auch von Coffey still spricht.

Davon einmal abgesehen begannen die Briten in den tropischen Kolonien wie in Asien damit, sich mit Chinin gegen Malaria – von der Anopheles-Mücke übertragen – zu schützen. Den bitteren Geschmack linderten sie durch die Beigabe von Sodawasser und Zucker. Damit war das chininhaltige Tonic Water geboren, das bis heute als kohlensäurehaltiges und herbes Erfrischungsgetränk weiterlebt. Das Tonic Water begannen die Engländer in Indien und anderen Ländern mit ihrem heißgeliebten Gin zu mixen. Das wiederum war die Geburtsstunde von Gin & Tonic, einem einfachen, aber allseits beliebten Longdrink.

Weitere Entwicklungen in der Geschichte des Gins

Sowohl in England selbst als auch im Ausland wirkten sich weitere Faktoren auf die Gin-Entwicklung aus. Man dachte sich das Verfahren für den London Dry Gin aus, der bis heute zu den Klassikern gehört und hohe Standards setzt. Parallel dazu entstanden neben dem herkömmlichen Dry Gin schrittweise weitere Ginsorten wie der Old Tom Gin und der Plymouth Gin. Zu Beginn des 19. Jahrhunderts kamen die Mixgetränke in Umlauf und man begann den Begriff Cocktail zu nutzen. Das Ganze war mit der Prohibition in den USA verbunden, denn die Longdrinks und Cocktails sollten über den enthaltenen Alkohol hinwegtäuschen. Ebene jene Prohibition, welche die Herstellung, den Import und den Konsum von Alkohol in den Vereinigten Staaten untersagte, wirkte sich vorteilhaft auf die Ginproduktion in England aus. Zwar war es eigentlich auch verboten, den englischen Gin einzuführen, doch die Amerikaner fanden Wege und Mittel und trugen dazu bei, dass sich eine Schattenwirtschaft etablierte. Die Absätze in den USA stiegen und stiegen, doch zum wiederholten Mal bedeutete die gesteigerte Nachfrage ein Sinken der Qualität.

Kaum war die Prohibition aufgehoben und sorgte für normale Zustände, brachte der Zweite Weltkrieg erschwerte Produktionsbedingungen mit. Die Armee wollte ihren guten alten Gin jedoch nicht missen und trug ihn in die weite Welt hinaus. Die Soldaten – speziell auch die Mitglieder der British Navy – wurden mit einer täglichen Ration Gin ausgestattet. Während des Krieges und in der Nachkriegszeit wurden außerdem immer mehr Cocktails mit Gin gemischt. Dieser Boom fand allzu rasch ein Ende, denn die Revolution in den 60er-Jahren sorgte für ein rebellisches Aufbegehren und die Suche nach Neuem. Whisky und Gin wurden vom Vodka verdrängt. Diese Gin-Flaute, gegen die kaum etwas unternommen wurde, dauerte bis in die 90er-Jahre hinein. Man hat es den alteingesessenen Produzenten – z. B. Bombay Sapphire und Tanqueray – zu verdanken, dass dem Gin danach auf die Sprünge geholfen wurde. Sie veröffentlichten neue Produkte und dachten sich clevere Werbekampagnen aus. Der Gin erlebte ein Revival, sowohl in Retro-Versionen nach dem Motto "back to the roots" und mit traditionellem Flair als auch in immer exotischeren und moderneren Varianten wie als New Western Dry Gin. Es gab neue Cocktails und Longdrinks mit Gin zu entdecken, und die Hersteller probierten so gut wie jede Geschmacksrichtung aus.

Der Gin heute

England steht nach wie vor an der Spitze der Ginproduktion und gilt als Spitzenreiter sowie Vorbild. Daneben hat sich Deutschland als Ginproduzent etabliert und mischt den nationalen wie internationalen Markt auf. Das Nachbarland Österreich, die Schweiz und Mittelmeerländer wie Spanien und Frankreich bringen ebenfalls zahlreiche Ginsorten auf den Markt. Nicht vergessen darf man die Niederlande mit ihrem Genever, der sich nach wie vor gegen die Konkurrenz behauptet. Neue Trends wie Flavoured Gin und Aged / Reserve Gin sorgen für Abwechslung und ein gesteigertes Interesse in den Wacholderschnaps. Deutschland ist nicht nur ein Produzent von Gin, sondern auch ein reger Konsument und immer größerer Fan der Spirituose. So weisen Statistiken darauf hin, dass zwischen 2010 und 2014 pro Jahr rund 0,14 Millionen Deutsche einmal pro Woche Gin tranken. Zwischen 0,7 und 1 Million Bundesbürger genossen einmal im Monat Gin, und über 5 Millionen entschieden sich hin und wieder für einen Gin – vermutlich als Teil von Gin & Tonic. Beinahe 2 % der deutschen Bevölkerung tranken 2014 mindestens einmal monatlich Gin, womit es die Spirituose unter die Top 20 schaffte.