Es gibt zahlreiche Arten von Gin, die beweisen, wie viel Potenzial in der Spirituose schlummert, und erklären, warum sie in aller Welt so beliebt ist. Der Klassiker ist natürlich der Dry Gin, allen voran in der Form London Dry Gin mit traditionellem Flair. Die moderne Alternative hierzu stellt der New Western Dry Gin mit treffender Produktbezeichnung dar. Was zeichnet ihn aus?
 

Begriffserklärung


Spitzmund New Western Dry Gin

Spitzmund New Western Dry Gin

Wie der englische Begriff es bereits erahnen lässt, handelt es sich beim New Western Dry Gin um eine neue Kategorie. Sie kam erst in den letzten Jahren auf und passt zu den Trends in der gesamten Spirituosenszene, neue Wege zu beschreiten, Experimente zu wagen und alte Grenzen zu sprengen bzw. Genuss neu zu definieren. Warum neben "New" noch auf den Zusatz "Western" gesetzt wird, ist nicht ganz klar. Vielleicht soll dies als weitere Abgrenzung zum authentischen, alteingesessenen London Dry Gin dienen, obwohl dieser nicht an die englische Hauptstadt London gebunden ist, sondern überall produziert wird. Auch beim New Western Dry Gin gibt es keine nationale oder regionale Begrenzung; er wird in den USA genauso hergestellt wie in Europa, allen voran in Mitteleuropa. Aus England findet man eher selten einen New Western Dry Gin vor, doch es gibt zunehmend Ausnahmen.

Wie andere Ginsorten weist auch der New Western Dry Gin einen Mindestalkoholgehalt von 37,5 % vol. auf. Er wird per Destillation hergestellt, aber anders als beim London Dry Gin gibt es keine festen Vorschriften, wann und wie die Botanicals zur Aromatisierung beigefügt werden und wie viele Destillationsvorgänge zum Einsatz kommen sollen. Eine Zutat ist nach wie vor obligatorisch, übernimmt aber bei diesem Gin-Stil nicht die Hauptrolle: Wacholder.

Die Entstehung einer neuen Gin-Richtung


Die Basis von Gin ist und bleibt die Wacholderbeere, welche der Spirituose ihren internationalen Namen und die deutsche Umschreibung Wacholderschnaps verliehen hat. Im Zuge des 17. und 18. Jahrhunderts wurde erst in den Niederlanden und dann in England mit den Wacholderdestillaten experimentiert. Was medizinische Hintergründe hatte und u. a. die Verdauung fördern sowie Darmleiden heilen sollte, entwickelte sich zur Spirituose für die Masse. Spätestens seit dem "Gin Craze" in England und der damit verbundenen Industrialisierung und Weiterentwicklung der Ginproduktion gibt es eine schier unendliche Vielzahl an Ginsorten. Ob London Gin, Dry Gin, Old Tom Gin oder Genever, die Wacholderbeeren sind – gemeinsam mit Koriander – immer mit von der Partie, und die Wacholdernoten stehen in fast jedem Fall im Vordergrund. Dies blieb über die Jahrhunderte hinweg gleich, obwohl theoretisch bis zu 120 Botanicals für das Aromatisieren zur Auswahl stehen und sich die verschiedensten Nuancen in Aroma und Geschmack herausarbeiten lassen.

In der näheren Vergangenheit nahm die Beliebtheit von Gin ab, weil der Vodka seinen Siegeszug um die Welt antrat. Mit seinem teilweise eher neutralen Geschmack und dem Verzicht auf Trockenheit und Wacholder eroberte er vor allem die Szene der Mixgetränke und verdrängte den Gin teilweise, wobei er in Großbritannien nach wie vor ein Spitzenreiter war. So kamen die Hersteller auf die glorreiche Idee, dem Gin zu einem Revival zu verhelfen, indem sie ihn weniger Wacholder-lastig machten. Vor circa einem Jahrzehnt begann diese Entwicklung Fuß zu fassen, und inzwischen gibt es eine ganze Reihe von New Western Dry Gins zu kaufen. Von den über 65 Gins aus Deutschland ist ein Großteil dieser Produktkategorie zuzuordnen, und auch in Spanien, Frankreich, Österreich, der Schweiz und Amerika versteht man sich nun auf die Herstellung von New Western Dry Gin. Interessanterweise war beim einstigen Genever aus Holland der Wacholder gar nicht so dominant, sondern er wurde erst durch den Gin-Boom in England in den Mittelpunkt der Aufmerksamkeit gerückt. So gesehen ist die moderne Neuheit ironischerweise eigentlich eine Rückbesinnung auf die ursprünglichen Ginsorten.

Aroma und Geschmack von New Western Dry Gin


New Western Dry Gin lässt sich auf zweierlei Weise zusammenfassen: Zum einen kann es sich um einen Gin handeln, bei dem eine Geschmacksnote dem Wacholder ebenbürtig ist und sich mit ihm entweder die Hauptrolle teilt oder ihn übertrumpft. Zum anderen ist es möglich, dass beim Gin nicht ein vordergründiger Eindruck auf sich aufmerksam macht, sondern mehrere Nuancen beinahe gleichwertig zum Ausdruck kommen. Kurz zusammengefasst ist ein Western Dry Gin Botanical-lastig. Und eben hier liegen sein Alleinstellungsmerkmal und sein Erfolgsgeheimnis. Es lässt sich beobachten, dass beim New Western Dry Gin oft exotische Zutaten verwendet werden. So entfernen sich die Brennereien zum Teil von Klassikern wie Angelikawurzel, Iriswurzel, Lakritze, Cassiarinde und Kümmel, um diese durch orientalische Kräuter, asiatische Gewürze oder regionale Spezialitäten aus der Pflanzenwelt zu ersetzen.

Manche bemühen sich um einem Gin der fruchtigen Seite, der sommerlich und erfrischend wirkt und z. B. neben den klassisch zum Tragen kommenden Schalen von Zitronen und Orangen noch Mandarinen, Pomeranzen und Grapefruit umfassen. Wieder andere verwenden einen ungewöhnlichen Rohstoff für den landwirtschaftlich gewonnenen Alkohol, der die Basis von New Western Dry Gin darstellt. Und in vielen Fällen wird ein regionaltypischer Charakter angestrebt, um vor allem die lokale Kundschaft anzusprechen und ein Exportgut mit Mehrwert und Individualität statt Konformität zu präsentieren. Überhaupt dreht sich beim New Western Dry Gin alles um individuelle Charakterzüge und darum, sich von der Masse abzuheben.

Das Faszinierende am Gin der Neuzeit


Gerade weil so viel experimentiert wird und es so gut wie keine Einschränkungen gibt, lassen die Produzenten ihrer Fantasie freien Lauf und kreieren etwas, das ihnen am Herzen liegt. Während Kritiker beanstanden, dass teilweise die Wacholderbeere komplett in den Hintergrund rückt oder dass man eher von einem Likör oder einer eigenständigen Spirituose wie statt einer Abwandlung von Gin sprechen sollte, sehen Befürworter darin das riesige Potenzial von New Western Dry Gin. Die Nutzung ungewöhnlicher Botanicals und der Fokus auf Produkte mit Wiedererkennungswert bringen Abwechslung in den Markt, inspirieren neue Cocktails und Longdrinks und wecken in der Tat das Interesse der jüngeren Generation am guten, alten Gin. Er wird somit wieder konkurrenzfähig, kommt teilweise einem Kunstwerk gleich und geht gleichzeitig mit dem Trend hin zu aromatisierten Spirituosen wie Flavoured Vodka, Flavoured Whisky und Flavoured Rum. Und um einen Likör handelt es sich dank des trockenen, meist kaum nachgesüßten Genusses nicht. Die Wurzeln bleiben dieselben, und die Wacholderbeeren sind mehrheitlich herauszuspüren, ohne ihre Dominanz geltend zu machen. Ein weiterer Grund für die große Beliebtheit von Western Dry Gin ist, dass eine so aromatische und eigenständige Spirituose auch bestens pur als Shot getrunken werden kann, statt nur für einen Gin & Tonic oder aufwändigere Mischgetränke genutzt zu werden.

Besondere Highlights unter den New Western Dry Gins


Insbesondere die deutschen Gin-Neuheiten schöpfen das Potenzial der Oberkategorie aus und lassen ihrer Fantasie freien Lauf. Man nehme nur einmal den The Duke Munich Dry Gin, der in der Metropole München in Bayern hergestellt wird und daher mit der Beigabe von Hopfen und Malz auf seine Heimat und das dortige Bier anspielt. Ebenfalls mit außergewöhnlichen Zutaten aus der Region veredelt wurde der Monkey 47 Schwarzwald Dry Gin, einer der ersten Wacholderschnäpse der Kategorie und der Bundesrepublik. Er wird in Baden-Württemberg produziert und verlässt sich auf einige Schwarzwälder Botanicals wie Preiselbeeren, Holunderblüten, Brombeeren, Schlehenbeeren und Hagebutten. Beim Gin Sul Hamburger Gin kommt zwar nichts Besonderes aus der Hansestadt zum Tragen, aber er setzt dafür auf Rosenblütenblätter aus Portugal. Der Brandstifter Berlin Dry Gin profitiert beispielsweise von Malvenblüten und hebt sich mit seinem Geschmack von Waldmeister von der Konkurrenz ab. Und beim Ferdinand's Saar Dry Gin sorgt eine Wein-Infusion – eine Hommage an das deutsche Weinbaugebiet Mosel-Saar – für das gewisse Etwas. 30 Botanicals kommen insgesamt zum Einsatz, was ein weiteres Merkmal von vielen New Western Dry Gins ist, denn oft setzen sie auf mehr Zutaten für mehr Botanical-Geschmack.

Apropos mehr Zutaten und damit gleichzeitig mehr Persönlichkeit: Wie wäre es mit New Western Dry Gin aus Schottland in der Form von The Botanist Gin von der Insel Islay? Er wird von der berühmten Whiskybrennerei Bruichladdich produziert, die eigentlich dem Scotch verschrieben ist und 33 Botanicals nutzt. Von denen stammen 22 von der Hebrideninsel Islay. Und weil gerade die Rede von Wein bei New Western Dry Gin war, lohnt sich auf jeden Fall noch die Erwähnung von den zwei Ginsorten Nouaison und Floraison von G Vine aus Frankreich. Da die Franzosen untrennbar mit dem Weinbau verbunden sind, mischen die Weintrauben (und ihre Blüten) bei den zwei innovativen Wacholderschnäpsen mit.

Aus England findet der Tanqueray Malacca Gin (Limited Edition) seinen Weg auf den Weltmarkt. Er stellt einen der Pioniere und Vorreiter der New Western Dry Gins dar. Der Trendsetter beweist, dass die Neuheiten gar nicht einmal so deutlich aus der Reihe tanzen müssen, sondern auch einfach eine verwandte, gefälligere Alternative zum London Dry Gin darstellen können. Der Tanqueray No. 10 (Ten) ist damit vergleichbar und setzt ebenfalls auf weniger Wacholder, mehr Frucht und mehr Attraktivität für Einsteiger und junge Genießer. Englischer New Western Dry Gin der bekannten und rundum gelungenen Art ist darüber hinaus der Hendrick's Gin, der mit Salatgurken und Rosen verfeinert wurde und den Trend hervorgerufen hat, als Gin & Tonic mit Gurkenschnitz statt Zitronenscheibe genossen zu werden.

Wer mag, gönnt sich den Saffron Gin aus Frankreich mit seinem leuchtend rötlichen Farbton und der Safran-Beigabe. Er setzt deutliche Noten von Fenchel frei. Auch empfehlenswert ist New Western Dry Gin in der Form von Aviation Gin, I Dream Of Gini Dactari Gin, Ungava Canadian Premium Gin, feel! Munich Dry Gin, Jinzu Gin, Edgerton Original Pink Dry Gin, Spitzmund New Western Dry Gin und MediGIN New Western Dry Gin. Was interessant ist: Teilweise ist beim perfekt zu diesen neuen Ginsorten passenden Tonic Water ein Trend hin zu Neuerungen und regionaltypischen oder exotischen Elementen zu bemerken. Nennenswert ist hierbei das Swiss Roots Gents Tonic Water aus der Schweiz mit Alpen-Touch dank Enzian.