Gin Botanicals Orange

Es ist alles andere als ein Geheimnis, dass der Gin in erster Linie mit Wacholderbeeren sowie mit Kräutern und Gewürzen aromatisiert wird. Aber nicht jeder ist sich dessen bewusst, dass daneben auch Früchte eine wichtige Rolle spielen. Genauer gesagt handelt es sich um Zitrusfrüchte, und dabei allen voran um Zitronen und Orangen. Welche Rolle spielt die Orange bei Gin, und wie kommt sie zum Einsatz und Ausdruck?
 

Allgemeines zur Orange


Orangenscheiben

Orangenscheiben

Viele von uns kennen die Orange als eine der beliebtesten Zitrusfrüchte. Gemeinsam mit der Zitrone steht sie an der Spitze der Fruchtsorten, die für ihren Säuregehalt bekannt sind und geschätzt werden. Teilweise werden sie als Apfelsinen bezeichnet. Es handelt sich um die Früchte des Orangenbaumes, der immergrün ist und eine Kreuzung aus der Pampelmuse und der Mandarine darstellt. Die Ursprünge des Zitrusbaumes, an dem die Orangen wachsen, liegen nicht etwa im Mittelmeerraum oder in Südamerika – wo er heute im großen Stile angebaut wird – sondern in Asien, genauer gesagt, in China. In Europa hielten die Apfelsinen nach dem 15. Jahrhundert Einzug. Das gilt für die süßen Orangen, denn Bitterorangen waren bereits im Mittelalter gang und gäbe. Die Portugiesen mit ihrer Seefahrt und ihren Kolonien waren für die Einbürgerung und Verbreitung verschiedener Orangensorten zuständig. Lange vor ihnen begeisterten sich die Römer für die Zitrusfrüchte und kultivierten sie u. a. im Norden von Afrika. Unterschieden wird grob in mehrere Orangensorten wie in süße Orangen und Bitterorangen. Diese Differenzierung spielt auch bei der Verbindung zwischen Orangen und Gin eine wichtige Rolle. Zudem gibt es noch die Blutorangen, die nach ihrem roten Fruchtfleisch benannt sind. Die Früchte des Baumes Citrus aurantium werden als Bitterorangen klassifiziert, während die Früchte des Baumes Citrus sinensis die süßen Orangen ergeben.

Keine Zitrusfrucht wird so häufig und in so großen Mengen angebaut wie die süße Orange. 2012 machten sie circa 70 % der globalen Produktion an Orangen aus. Etwa im selben Jahr baute man insgesamt auf der ganzen Welt rund 68 Tonnen süße Orangen an. Sie sind die orangefarbenen Früchte eines Baumes, der bis zu 10 m hoch wachsen kann und dessen junge Zweige mit Dornen versehen sind. Orangenbäume besitzen duftende, weiße Blüten, wobei die Blütezeit im europäischen Raum von Februar bis Juni dauert, wohingegen die ostasiatischen Vorfahren und Verwandten von April bis Mai blühen. Aus den Orangenblüten – die in sehr seltenen Fällen ebenfalls bei Spirituosen zum Einsatz kommen – bilden sich die runden, bis zu faustgroßen Früchte mit der charakteristisch gefärbten Schale. Es daneben noch einige Orangensorten, deren Schale selbst im reifen Zustand grünlich bis gelblich aussieht. Dieser Farbton hat damit zu tun, dass im tropischen Raum keine kalten Nächte vorhanden sind. Interessanterweise bleiben auch amerikanische und europäische Orangen bei reifem Zustand grün, wenn sie zu einem kältefreien Zeitraum geerntet werden. In diesem Fall erhalten sie den begehrten, warm leuchtenden Orangeton durch die sogenannte Entgrünung. Sie ist in der EU zugelassen, kann aber zu Qualitätseinbußen führen. Die reifen Orangen sind von der dicken, grobporigen Außenschale und der weißen, dünnen Innenschale mit den Bitterstoffen umgeben. Das Fruchtfleisch ist orangefarben, saftig und herzhaft und leicht säuerlich sowie zum Teil von Kernen durchdrungen. Geerntet werden die in Europa – vorwiegend im Mittelmeerraum in Ländern wie Spanien und Italien – angebauten Orangen in der Zeit von August bis Oktober. Im Gegensatz zu manchen anderen Obstsorten werden Orangen stets im reifen Zustand geerntet, denn sie reifen nach dem Pflücken oder bei Lagerung nicht nach. Ein Orangenbaum kann bis zu 50 Jahre lang Früchte liefern.

Orangen – allen voran süße Orangensorten – werden überall auf der Welt gern verzehrt. Man verarbeitet sie natürlich zu Orangensaft und Orangenlimonade und gewinnt Produkte für die Lebensmittelindustrie wie Orangeat zum Backen und für Süßspeisen. Diverse medizinische Produkte und vieles, was als Lieferant von Vitamin C bzw. Nahrungsergänzungsmittel dienen soll, besitzen einen angenehmen Orangengeschmack (oder alternativ Zitronengeschmack). Der Inhaltsstoff Pektin wird ebenso intensiv genutzt. Ein Großteil der Früchte, die zu Saft verarbeitet werden, stammt aus Brasilien statt aus dem mediterranen Raum. Das südamerikanische Land produziert allein als Spitzenreiter fast so viele süße Orangen wie gemeinsam die drei Länder auf den nächsten Plätzen (USA, Indien und China). Bei Orangen für Gin hingegen halten sich die meisten Hersteller an Spanien. Da die Früchte aromatisch sind und in ihrer Schale ätherische Öle bergen, kommen sie zum Teil sogar zur Herstellung von Parfüm zum Einsatz. Die Duftstoffe der Orangenblüten werden ebenfalls hierzu genutzt, spielen bei der Ginherstellung jedoch keine Rolle.

Gin und Orangen


Orangen gehören gemeinsam mit den Zitronen – die etwa am vierthäufigsten zum Einsatz kommen – zu den üblichen Botanicals bei der Aromatisierung von Gin. Sie liefern ihre Schale und nur in ausgesprochen seltenen Fällen ihr Fruchtfleisch. Bevorzugt kommen Bitterorangen für Gin zum Einsatz. Sie stammen in der Regel aus Sevilla in Spanien, dem Anbaugebiet schlechthin für diese Zitrusfrucht. Daher spricht man häufig von Sevilla-Orangen. Sie finden bei traditionellem London Dry Gin aus England genauso Verwendung wie bei modernem Western Dry Gin aus Deutschland oder bei Dry Gin aus Spanien. Die Schalen der säuerlichen, herben Bitterorangen kommen meist getrocknet zum Tragen, wohingegen die süßen Orangen ihre frischen Schalen zum Aromatisieren des Destillats liefern. Es ist üblich, dass die Orangenschalen in Alkohol eingelegt werden und für mehrere Stunden oder Tage mazerieren, um ihre Aromastoffe abzugeben.

Warum stützt sich die Mehrheit der Ginproduzenten auf Bitterorangen, wenn doch die süßen Orangen in solchen Mengen angebaut und angeboten werden? Eine eindeutige Antwort auf diese Frage gibt es nicht, doch es ist davon auszugehen, dass sie aufgrund des etwas mehr ausgeprägten Aromas und Geschmackes bevorzugt werden. Zudem standen zu den Zeiten, in denen die ursprünglichen Rezepte für die Urgesteine der Ginherstellung wie Beefeater aus Großbritannien entstanden, eher die Bitterorangen zur Verfügung. Zum damaligen Zeitpunkt versorgte man sich nämlich in England mit einem stetigen Bedarf an Orangen für das Bindemittel Pektin zum Konservieren von Eingemachtem. Vermutlich wurden die getrockneten Schalen von Bitterorangen aus Spanien importiert, statt die reifen, nicht besonders lange haltbaren, süßen Früchte aus Südamerika auf lange Schiffsreisen zu schicken. Heute ist es so, dass die Brennereien einfach an etwas festhalten wollen, was sie als Tradition ansehen, sodass nach wie vor größtenteils bittere Sevilla-Orangen für Gin zum Tragen kommen. Manche verlassen sich stattdessen auf Bergamotten aus Italien.

Zitronenschalen und Orangenschalen verleihen einem Gin seine Frische, balancieren die herben und herbalen Noten von Gewürzen und Kräutern aus und sorgen für einen dezent fruchtigen Beiklang. Der eine oder andere moderne Wacholderschnaps will so gefällig und erfrischend wirken, dass er auf eine Extraportion an Fruchtigkeit setzt und einen deutlicheren Beiklang von Orangengeschmack bzw. Zitrusnoten entfaltet. Ein Paradebeispiel hierfür ist der Orange Gin, der gemeinsam mit dem Lemon Gin einst populär war und inzwischen eher weniger bekannt ist. Er stellte eine Art Flavoured Gin dar und setzte auf einen beliebten Mix aus Wacholder und Orange.

Zu bemerken ist, dass die Orange und der Gin zwar untrennbar miteinander verbunden sind, dass aber kein Zwang besteht, die Zitrusfrucht zu nutzen. Manche Genießer, die es ganz genau nehmen und sich bewusst ernähren, sprechen sich sogar dafür aus, man sollte auf die Aromatisierung von Gin mit Orangenschalen verzichten. Beim Anbau der Früchte kommen nämlich für gewöhnlich nicht unerhebliche Mengen an Pestiziden und Insektiziden zum Einsatz, da sie kommerziell in Massen kultiviert werden und weite Transportwege überwinden müssen. Diese Pestizide wandern theoretisch in den Gin, wenn das ätherische Öl aus der Orangenschale in den Alkohol geleitet wird. Dazu sollte angemerkt werden, dass manche Ginhersteller das Problem erkannt haben und sich auf Kleinbauern mit umweltbewussten Vorgehensweisen oder auf die Ernte aus dem regionalen Anbau verlassen.

Wer Lust auf einen Wacholderschnaps verspürt, bei dem der Beiklang von Orange sich gut herausschmecken lässt, der hat u. a. die folgenden Qualitätsprodukte zur Auswahl: Beefeater Gin, Hayman's London Dry Gin, Citadelle Gin, Sipsmith London Dry Gin und Sloane's Gin. Sie alle nutzen die Orangenschale und lassen diese mehr oder weniger zur Geltung kommen. Der ausgefallene Bathtub Gin und der innovative Hendrick's Gin machen sich die Zitrusfrucht ebenfalls zunutze, doch sie lässt sich nicht wirklich beim Trinken vernehmen.