Es geht beim Rum nicht nur um den Geschmack und das Aroma, sondern auch um die Trinkstärke. Nicht nur ist sie mit den anderen Aspekten untrennbar verbunden, sondern sie wirkt sich z. B. auch darauf aus, wie der Rum verwendet wird und wer an ihm Gefallen findet. Man nehme nur einmal den Overproof Rum mit der erhöhten Trinkstärke, der in gewisser Weise eine Klasse für sich darstellt.
 

Was ist Overproof Rum?


Holey Dollar Overproof Rum

Holey Dollar Overproof Rum

Das englische Wort "proof" bedeutet eigentlich Beweis / Beleg / Nachweis / Korrektur, aber es wird auch verwendet, um den Alkoholgehalt einer Spirituose zu betiteln. Das Wörtchen "over" dürfte jedem hinlänglich bekannt sein, bedeutet es doch "über". So gesehen lässt sich entschlüsseln, wofür der Begriff Overproof steht: für Trinkstärke über dem normalen Wert bzw. für einen erhöhten Alkoholgehalt. Der Mindestalkoholgehalt für Rum beträgt 37,5 % vol. (vol. ist die Abkürzung für Volumenprozent). Einen Höchstalkoholgehalt gibt es streng genommen nicht. Der hochprozentige Original Rum, der an der Spitze steht und die Grundlage für die davon abgeleiteten Rumformen wie Echten Rum darstellt, besitzt bis zu fast 80 % vol. Trinkstärke. Der Overproof Rum ist quasi das Mittelding zwischen einfach nur Rum und Original-Rum, wobei es keinen festgelegten Wert für die Trinkstärke gibt. Ab einem Alkoholgehalt von 57,15 % vol. spricht man von Overproof Rum. Die meisten Produkte beginnen bei über 60 % vol., und es lässt sich ein Durchschnittswert von 75 % vol. bemerken.

Der Begriff "over proof" kam übrigens auf interessante Weise in Umlauf, wenn man den überlieferten Geschichten Glauben schenken darf: Viele Seefahrer und Mitglieder der Armee bzw. Marine deckten sich auf ihren langen Reisen mit Spirituosen wie Gin und Rum ein. Sie testeten dessen Alkoholgehalt, indem sie Schießpulver in ein Glas mit der Spirituose gaben. Jenes so getränkte Schießpulver wurde angezündet. Ausreichend hoher Alkoholgehalt sorgte für eine hell brennende, gelbe Flamme. Bei zu wenig Volumenprozent brannte das Schießpulver nicht. Dieser Beweis – proof – stellte lange die Messgrundlage dar und lebt bis heute im Overproof Rum (und im Navy Strength Gin) weiter.

Internationale Angaben zu Rum verwenden zum Teil Proof als Maßeinheit (angloamerikanisch). Das Besondere daran ist, dass die Briten und die Amerikaner unterschiedlich umrechnen. Als Anhaltspunkt: Will man eine englische Angabe von Proof in Volumenprozent umrechnen, ist ein Verhältnis von knapp 7:4 zu verwenden. 70° proof sind somit 40 % vol. In den USA ist nicht Proof in Grad gemeint, sondern als Nummer. Zur Umwandlung halbiert man einfach den Proof-Wert oder verdoppelt den Volumenprozent-Wert (80 Proof sind 40 % vol.). Für gewöhnlich kann man sich jedoch die Mühe des Rechnens sparen, denn im deutschen Handel wird der Alkoholgehalt von Overproof Rum und Rum im Allgemeinen in Volumenprozent angegeben.

Wie entsteht Overproof Rum?


Wie bereits angesprochen, besitzt genau genommen jeder Rum zu Beginn eine hohe Trinkstärke. Er ist in dieser Form so konzentriert, stark und bitter, dass man ihn nicht wirklich trinken kann – wobei bis ins 18. Jahrhundert hinein kaum andere Formen zu haben waren, da es an Methoden zur Verfeinerung fehlte. Der erste Rum mit weniger Alkoholgehalt als ein Original Rum, eher mit einem Overproof Rum vergleichbar, entstand mehr oder weniger durch Zufall, da man Destillate bei der langen Schiffsreise in Holzfässern lagerte. Bei eben jener Lagerung verflüchtigte sich ein Teil des Alkoholgehalts der Spirituose aufgrund von Luftkontakt, sodass Monate bis Jahre später ein klein wenig sanfter Rum entstand. Dieses Prinzip entwickelte man weiter, um den Echten Rum zu veredeln und attraktiver sowie hochwertiger zu machen. Der geringe Anteil an verflüchtigtem Alkohol reicht aber meist nicht aus, sodass der Rum mit destilliertem Wasser auf die gewünschte Trinkstärke herabgesetzt wird. Bei normalem Rum kommt verhältnismäßig viel Flüssigkeit hinzu, ohne dass dabei das Ganze verwässert wird. Bei Overproof Rum ist kaum Wasser notwendig, sodass er sich beinahe unverfälscht zeigt.

Verwendungszweck von Overproof Rum


Manch einem mag der Whisky in Fassstärke (Cask Strength) geläufig sein. Er lässt sich mit dem Overproof Rum vergleichen, wobei bei den Whiskys der höhere – aber nicht zu hohe – Alkoholgehalt der Tatsache zu verdanken ist, dass nach der mehrjährigen Reifelagerung kein Verdünnen mit Wasser stattfand, wohingegen Overproof Rums meist Blancos sind, die überhaupt nicht gelagert wurden. Die Parallele zwischen beiden Spirituosenarten ist, dass sie mehrheitlich für das Mixen gedacht sind. Overproof Rum wird nur sehr selten pur getrunken, denn der deutliche Ester-Geschmack überdeckt die Aromen, und zudem steht die Spirituose für viel Alkohol und damit hohe Chancen auf zu viel des Guten und einen Kater nach dem Rausch. Es gibt zwei Ausnahmen: In den Ländern, in denen der Overproof Rum produziert wird, sind die Einheimischen teilweise sehr vertraut mit allem rund um den Rum und von Kindesbeinen mit seinem Genuss in Berührung gekommen, sodass sie nicht so leicht überfordert sind. Außerdem wagt sich sogar hierzulande der eine oder andere pur an einen Overproof Rum heran – aber nur dann, wenn er nur bis zu 60 % vol. oder ein klein wenig mehr aufweist. Schließlich agiert der Alkohol auch als Geschmacksträger, sodass es sich um ein ganz spezielles, intensives Trinkerlebnis handelt. Overproof Rum kann aus allen Rum-produzierenden Ländern stammen, aber streng genommen gehört auch Inländer-Rum / Kunstrum dazu.

Cask Strength Whisky und Overproof Rum werden in Umlauf gebracht, damit der Kunde ein Wörtchen mitreden kann. Statt sich auf die endgültig herabgesetzte Variante zu verlassen, kann er selbst entscheiden, wie viel Wasser er beigibt und wie nahe er dem authentischen, echten Genuss bleibt. Der Hauptgrund für die Produktion von Overproof Rum ist jedoch das Mixen von Cocktails und Longdrinks. Das Plus an Alkohol stellt sicher, dass der Rum nicht inmitten all der anderen Zutaten untergeht und dass er die Geschmacksnoten der Filler und Mixer gekonnt unterstreicht oder verstärkt. Der Blanco Rum mit erhöhter Trinkstärke eignet sich vor allem für tropische Cocktails, bei denen fruchtige Komponenten im Vordergrund stehen und bei dem eine erfrischende bis anregende Wirkung erwünscht ist. Beispiele für Longdrinks und Cocktails mit Overproof Rum sind u. a. Wild Horse (Pfirsich-Hälfte, Zuckerwürfel, Overproof Rum – der angezündet wird – sowie diverse fruchtige Mixzutaten und Bourbon Whiskey), Zombie (mit weißem Rum und Overproof Rum), Mai Tai (mit braunem Rum und Overproof Rum) und B52 (Baileys Likör, Kaffeelikör, Rum Overproof).