Geht es um Gin, dann meinen manche, es gäbe im Grunde nur den einen, immer gleichen Stil. Das ist jedoch ein Irrglaube, denn es stehen diverse Ginsorten zur Auswahl, die sich alle durch ein Merkmal vom Rest abheben und mit bestimmten Eigenheiten und Regeln verbunden sind. Der Klassiker schlechthin ist neben dem allgemeinen Dry Gin der London Dry Gin, der bei Weitem nicht nur in England hergestellt wird und an dem kein Weg vorbeiführt.
 

Kommt der London Dry Gin wirklich nur aus London?


Haymans London Dry Gin

Haymans London Dry Gin

Jeder London Dry ist gleichzeitig ein Dry Gin und ein distilled Gin, aber nicht jeder destillierte und trockene Gin ist automatisch auch ein London Dry Gin. Dabei sollte man nicht den Fehler machen, den Zusatz London mit der gleichnamigen Stadt untrennbar zu verbinden. Zwar stellt die englische Hauptstadt die Geburtsstätte dieser Ginsorte dar und ist nach wie vor eine der Hochburgen ihrer Herstellung, doch es handelt sich nicht um eine geschützte Herkunftsbezeichnung wie beispielsweise beim Cognac und Champagner aus Frankreich, beim Sherry aus Spanien oder beim Plymouth Gin aus England. Kurz gesagt: Ein London Dry Gin kann, muss aber nicht, aus London stammen. Man findet ihn bei deutschen, spanischen, amerikanischen und anderen Herstellern genauso vor wie bei Londoner Brennereien. Wann genau der Begriff London Gin entstand und die Herstellungsweise aufkam, ist nicht zweifelsfrei geklärt. Vermutlich brachte man schon im 18. Jahrhundert oder während der Gin-Hysterie im industriellen England die Herstellungsweise in Umlauf, um den weniger hochwertigen oder zu experimentellen Spirituosen aus der Massenproduktion etwas entgegenzusetzen.

Was zeichnet den London Dry Gin aus?

Das Herstellungsverfahren

Die Herstellungsweise ist das Erfolgsgeheimnis und das Alleinstellungsmerkmal zugleich. Der London Gin darf nur auf eine ganz bestimmte Art und Weise gebrannt werden. Dem ersten Destillationsvorgang des Alkohols – hochprozentiger Neutralalkohol aus der landwirtschaftlichen Herstellung, beispielsweise aus Getreide oder Melasse gewonnen – schließt sich ein zweiter Brennvorgang an. Bei diesem kommen alle Botanicals gemeinsam zum Einsatz und werden gleichzeitig verarbeitet. Der Fachbegriff Botanicals wiederum betitelt die pflanzlichen Zutaten, die der Aromatisierung dienen, allen voran Wacholderbeeren, Koriander und die Schalen von Zitrusfrüchten. Es ist bei der Produktion von London Dry Gin untersagt, dem Destillat künstliche Zusatzstoffe in der Form von Farbstoffen und Zusatzstoffen beizugeben. Auch ein weiterer Destillationsvorgang mit nachträglich zugegebenem Botanical ist verboten. Und wie sieht es mit dem Zucker aus, der bei fast allen Spirituosen – nicht zuletzt beim Rum und beim Whisky – eine wichtige Rolle spielt? Er darf bei einem London Gin nur in sehr geringer Menge hinzugefügt werden. Pro Liter sind nicht mehr als 0,5 g erlaubt. Das ist ein Grund, warum sich der London Dry Gin so deutlich vom nachgesüßten Old Tom Gin abhebt.

Die offizielle Definition des London Dry Gins

Zusammengefasst gibt es die folgenden, 2008 in Kraft getretenen, von der Europäischen Union überwachten Definitionen von und Vorschriften für London Dry Gin: Der Wacholderschnaps muss ein destillierter Gin sein, bei dem der Ethylalkohol definitiv nicht synthetisch gewonnen wurde, sondern landwirtschaftlichen Ursprungs ist (Agraralkohol). Der London Gin wird in herkömmlichen Brennapparaten durch die erneute Destillation jenes Ethylalkohols mitsamt aller pflanzlichen Stoffe (Botanicals) gewonnen. Beim fertigen Erzeugnis übersteigt der Zuckergehalt aufgrund von zugesetzten Süßstoffen nicht 0,1 g pro Liter. Es kamen keine Farbstoffe zum Einsatz. Wasser darf als Einziges neben dem Alkohol, den Botanicals und (eventuell) ein wenig Zucker zugegeben werden. Wie bei Gin im Allgemeinen muss der Alkoholgehalt mindestens 37,5 % vol. betragen. 40 % vol. und 47 % vol. sind am häufigsten vorzufinden, wobei die Briten die etwas hochprozentigere Variante schätzen. Genau genommen darf nur von einem London Dry Gin gesprochen werden, wenn keine Zuckerbeigabe erfolgte; alles andere ist ein London Gin ohne den Zusatz Dry (trocken), aber diese Regel wird ein bisschen stiefväterlich behandelt. Welche Art der Destillation und welcher Brennapparat abgesehen von der Beigabe aller Botanicals auf einmal zum Tragen kommt, das ist nicht offiziell festgelegt und unterscheidet sich von Destillerie zu Destillerie.

Die Merkmale: Was macht einen guten London Dry Gin aus?

Das Regelwerk scheint auf den ersten Blick den Hersteller ein wenig einzuschränken, aber auch dieser Eindruck täuscht. Es ist nämlich möglich, aus bis zu 120 Botanicals auszuwählen, die zusammen bei der Redestillation von Ethylalkohol als natürliche Aromastoffe zum Tragen kommen. Manche sind der Überzeugung, bei einem guten London Dry Gin sei weniger einfach mehr und man sollte sich auf nur rund zehn Botanicals beschränken, aber es gibt auch faszinierende Ginsorten mit etwas weniger oder deutlich mehr Aromastoffen zu entdecken. Gemeinsam ist den Destillaten, dass sie sich von der trockenen und daher auch von der so gut wie gar nicht süßen Seite zeigen. Ein weiteres Markenzeichen von London Dry Gin ist der deutliche Beiklang von Wacholder, denn schließlich ist jenes Botanical die Hauptzutat – und die einzige obligatorische Komponente – von Gin. Der spezielle, authentische Wacholderschnaps weist darüber hinaus aber auch diverse feinwürzige Aromen auf. Er mag blumig und leicht herb wirken, doch allzu fruchtige Aromen kommen meist nicht zum Ausdruck. Das ist ein Unterscheidungsmerkmal zum New Western Dry Gin, der in der Moderne entwickelt wurde, um eine Alternative zum London Dry Gin darzustellen. In den meisten Fällen erscheint ein London Gin etwas feiner in der Würze und etwas harmonischer und eleganter als ein Dry Gin. Auch ein höheres Maß an Reinheit und Authentizität wird dem London Dry Gin nachgesagt. Er kann dabei sowohl mild als auch kräftig wirken und passt perfekt zu den verschiedensten Sorten an Tonic Water.

Bekannte Hersteller und Marken

Ist man auf der Suche nach London Dry Gin, ist die Auswahl riesig – in der Tat größer als bei den übrigen Sorten von Gin, wenn man einmal den gewöhnlichen Dry Gin außer Acht lässt. Nicht jeder Hersteller integriert übrigens in der Produktbezeichnung das London Dry, sondern weist das Produkt der Einfachheit halber lediglich als Gin aus. Hier gibt es einige berühmte Beispiele, die auf dem deutschen Markt gern gesehen sind und auch im internationalen Rahmen erfolgreich sind:


Wer sich aufgrund mangelndem Zusatz vergewissern will, ob ein Gin oder Dry Gin auch wirklich ein London Dry Gin ist, der sollte einen Blick auf die Produktbezeichnung oder die Internetpräsenz des Herstellers sowie auf Online-Bewertungen werfen. Im Grunde ist der London Gin nämlich auch ein Ausdruck von Qualität, Tradition und Anspruch und wird von manchen vorgezogen. Die extratrockene Ginsorte ist bei den Briten nach wie vor der Favorit. Für einen Gin & Tonic wird der Klassiker ebenfalls bevorzugt.